Analog in.. Szczecin/Stettin


Mein erster Städtetrip und dann verschlägt es mich gleich ins Ausland und dazu rein analog!

Ich habe so einige Städte auf meiner imaginären Liste, die ich besuchen will. Vor allem um Museen und die schäbigen Ecken unsicher zu machen. ;D Analog war mir ein Bedürfnis, weil meine digitale Ausrüstung mir zu wenig flexibel, deshalb zu schwer ist und ich natürlich auch mal wieder Lust auf Film hatte. :)
Erwartet keine typischen Reisefotos!

Einige Bilder haben starke Kratzer, danke dafür an das Labor von Rossmann (Fuji?!) bei dem ich den ersten Film abegeben habe. Ich war irgendwann zu faul sie alle wegzustempeln (vielleicht so nach und nach nach dem Erscheinen des Artikels). Aber ich entwickel nun selber meine Farbfilme (wuhu!), sodass ich nur noch mir selber die Schuld geben kann. :D

Von Vorpommern ist es mit dem Zug nicht allzu weit bis zum rot-weißen Grenzpfahl. Dahinter beginnt die polnische Woidwodschaft Westpommern. Deren Hauptstadt Szczecin ist mit etwa 400.000 Einwohner siebtgrößte Stadt Polens.
Bis 1945 war sie die Hauptstadt der deutschen Provinz Pommern und ist vielen deshalb noch mit dem deutschen Namen Stettin ein Begriff.

Die etwa 700 Jahre dauernde Geschichte als deutsche Stadt spiegelt sich heute hauptsächlich in der Architektur und stadtplanerischen Aspekten wider, auch wenn über 70% der Stadt Bombenangriffen zum Opfer fielen. Viele Flüchtlinge aus anderen Teilen Polens besiedelten die Stadt nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung wieder, es kam nicht wirklich zu einer Aufarbeitung der Geschichte.
Größere Gebäude werden heute für die Verwaltung oder Museen genutzt und sind meist in einem guten Erhaltungszustand. Viele Gebäude, auch Wohngebäude aus der Vorkriegszeit sind in einem schlechten Zustand, nur wenig äußerlich restauriert. Ich wusste nicht so wirklich, ob ich nun lachen oder weinen sollte.

„Das Venedig des Nordens“ – so wurde es wirklich in einer Touribroschüre beworben – findet man in der Nähe des Bahnhof an einem Seitenkanal der Oder. Die besten Zeiten hat dieses Venedig auch schon hinter sich und das liegt nicht an einer Unmenge an Touristen, sondern an (noch) nicht vorhandenen Möglichkeiten der Wiedernutzung dieser Gebäude.
Es gibt auch einige neue Bauten, wie zum Beispiel die Philharmonie. Die Stadt wirkt aber irgendwie seltsam deutsch, jedoch ohne deutsch zu sein. Es gibt keine Fußgängerzone und der historische Marktplatz (Heumarkt) ist auch überschaubar klein.
Ein sehr schönes Detail: Die frisch restaurierten Handpumpen aus dem 19. Jahrhundert, die überall verstreut in der Stadt stehen.

Für einen Blick über die Stadt ist die Jakobikirche gut geeignet. Sie hat nach dem Wiederaufbau des Dachstuhls eine verglaste Aussichtsplattform erhalten, die man sehr komfortabel mit dem Aufzug erreicht. Ein Besucht kostet 10 Zloty oder 2,50€.

Achtung Auto!

Die wichtigsten Sehenwürdigkeiten und die inneren Stadtviertel kann man ohne Probleme per pedes erreichen. Bei mir machte sich schnell der Eindruck breit, dass die Stettiner noch mehr das Autofahren lieben als so mancher Deutsche. Radfahrer sind eine seltene Spezies, Radwege sind erst im Enstehen. Eine Radfahrkultur ist (noch) nicht vorhanden.
Wenn keine Ampel, die eindeutig den Straßenverkehr bevorzugt, als Querung vorhanden ist, dann gibt es für die Fußgänger Zebrastreifen. Zu Beginn war ich mir nicht sicher, ob sie so funktionieren wie daheim. Es wurde immer nur wenige Zentimeter vor mir aus voller Fahrt gehalten. Und wie man eine dreispurige Straße so überqueren soll, ist mir auch ein Rätsel. Aber es hat irgendwie geklappt.
Es gibt auch öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Straßenbahn, aber die Straßen entlasten tun sie nicht. Vielleicht liegt es am Zustand vieler Busse und der Schienen.

Die Sache mit dem Polnischen..

Mir sind einige deutsche, englischsprachige sowie skandinavische Touristen begegnet, größere Attraktionen sind auch in mehreren Sprachen ausgeschildert, jedoch wirkt die Stadt (abgesehen von Toursitenkarten für Museen und ÖPNV und einem 7 km Rundweg an den Sehenwürdigkeiten der Stadt vorbei) nur wenig eingestellt auf ausländischen Tourismus. Mir war das relativ egal, mit Händen und Füßen und ein bisschen Englisch (das können jüngere Polen) kam man auch zurecht, so sind natürlich keine großen Unterhaltungen mit Einheimischen möglich.
Ich bin noch nie zuvor mit einer slawischen Sprache in Kontakt gekommen, aus dem Lesen wird man nicht schlau und selbst einfache Wörter wie danke  – dziękuję oder hallo – cześć waren am Anfang eine echte Herausforderung! :D Zugegebenermaßen gehöre ich nicht zu den sprachbegabeten Menschen…

Die unendliche Suche nach Piroggen

Eine Piroggeria in Szczecin zu finden, um das Nationalgericht, gefüllte Teigtaschen mit gebratenen Zwiebeln und Speck zu essen, gestaltete sich als äußerst schwierig. Es lassen sich mehr Dönerbuden, Italiener und Burgerläden finden; die einheimische Küche ist nicht sehr gefragt bei den Polen. Zwar gibt es die sogenannten „Milchbars“, eine Art Kantine, wo es günstige, polnische Gerichte gibt. Jedoch sind diese eher auf einheimische Kundschaft eingestellt. Die Speisekarte steht auf Polnisch an einer Tafel – ohne Übersetzungsprogramm keine Chance. Meine Gastgeberin war leider an dem Wochenende verreist, sie riet dazu einfach auf das Essen zu deuten. :D Aber so mutig war ich dann doch nicht.
Einen interessanten Artikel zu Milchbars in Polen habe ich (nach meiner Reise) hier entdeckt: http://rooksack.de/milchbars-in-polen
Also nächstes Mal vielleicht doch einfach mal mutig sein!

Piwo i lód

Bier (piwo) findet man um so leichter. Ein Laden in der Niepodległości 16 führt neben polnischem und osteuropäischem Bier auch deutsche Spezialitäten, Craft-Bier (mit ganz tollen Etiketten) und einer riesen Auswahl an Cider!

Unbedingt ausprobieren sollte man auch eine der vielen Eisdielen (lodziarnia), die leckeres selbstgemachtes Eis (lód) und Sorbet anbieten.

Nicht nur was für Baumfreunde: Der Hauptfriedhof

Ein wahres Kleinod ist der knapp 170 ha große Hauptfriedhof. Er ist der drittgrößte Europas und wurde Anfang des 20. Jahrhundert nach dem Vorbild des Ohlsberger Friedhofs in Hamburg angelegt. Ein wunderschöne Parkfriedhof, der an vielen Stellen Waldcharakter hat und zu einem ausgedehnten Spaziergang einlädt. Es gibt zudem zwei ausgeschilderte Rundwege, die mehrsprachig auf die historischen Gräber und die botanischen Besonderheiten hinweisen.

Und so im Fazit?

In Szczecin steckt viel Potential, keine Frage. Für mich war das dominierende Ärgernis der Straßenverkehr. In Gedanken (oder eben durch den Sucher) durch die „Gassen“ zu schlendern ist bei der Raserei – vor allem in Innenstadtnähe – problematisch. Vielleicht bin ich als fast vierjähriges, vorpommersches Kleinstadtei es einfach nur nicht mehr gewohnt. ;)
Für Freunde der tristen Stadtlandschaft finden sich sehr schöne Motive. Es wird wahrscheinlich noch Jahrzehnte dauern bis die Stadt kaputt saniert wurde. Hier gibt es wahre „Schätze“ zu entdecken.

Der Aufenthalt ist zudem sehr günstig. 1 Zloty entspricht 23 Cent. Fünf Piroggen und eine 0,3er Cola (danach war man satt) gab es für etwa 15 Zloty, also für unter 4 Euro. Wechselstuben gibt es an jeder Ecke.

Ich denke, dass in Zukunft sich noch einiges in der Stadt verändern wird. An einigen Stellen merkt man einen ersten Wandel. Das „Floating Garden 2050 Project“ soll unter anderem zur weiteren Entwicklung der Stadt beitragen. Vor allem die Themen Ökologie, Nahverkehr und Weltoffenheit scheinen angegangen zu werden. Und – so weit wie ich es verstanden habe – soll auf der anderen Seite der Oder auch ein neuer Stadtteil entstehen. Das wäre dann auf jeden Fall eine tolle Sehenwürdigkeit und ein echter Gewinn für die Lebensqualität. Müssen wir uns nur noch ein paar Jahrzehnte gedulden.


Eine Anmerkung zu den Bildern

Beim Städtetrip dabei waren die Canon T90 mit dem 50mm 1,4, dem 24-35mm 3,5L und dem 200mm 4 sowie die Halbformatkamera Olympus Pen EE-3.
Verknipst habe ich einen Kodak Gold 200, zweidrittel eines Kodak Color Plus 200 und einen 12er Kodak Gold 100. Alles nicht gesponsert von Kodak und zufällig ausgewählt.

Leider musste ich feststellen, dass der 12er Film bereits belichtet war (den hatte ich aus einem Konvolut).. Jetzt habe ich Negative von wildfremden Leuten beim Weihnachtsfest gemischt mit Stettiner Stadtlandschaft.

Gescannt wurde alles mit meinem guten alten Reflecta ProScan 7200 und zum Großteil mit VueScan. So ganz zufrieden mit der Farbgebung bin ich nicht, ich muss mich in das Programm „eingrooven“. ;)

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